Frühlingsfest Mosaik
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2008

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PROGRAMM 2008

BILDER 2008
Auswanderung "früher"
Zahlen Auswanderung "heute"
Somalia
Portrait: Emi Sidler
Portrait:Ali Isse
Portrait: Abei Besha
SURPRISE
Auftritt von SWEETHOME PRODUCTION

EMI SIDLER

geboren 1949, aufgewachsen in Schwamendingen, lebt seit 38 Jahren auf Gran Canaria
und erzählt im April 2008 aus ihrem Leben.

1. Jugend in Schwamendingen

Natürlich merkte ich schon als kleines Mädchen, dass meine Mami, die in den 50er Jahren aus Italien in die
Schweiz eingewandert war, eine andere Sprache verwendete. Es war für uns drei Kinder ganz normal,
dass sie mit uns Italienisch sprach, wenn sie uns liebte und lobte. Wenn Nachbarskinder aus der
Baugenossenschaft bei uns an der Roswiesenstrasse 93 klingelten, kam es am Anfang schon mal vor,
dass ich mich mit teilweise italienischen Erklärungen entschuldigte, jetzt nicht gleich runter zum Spielen
gehen zu können. Schon früh hielt uns Mami an, auch im Haushalt mitzuhelfen. Interessanterweise kamen
Anordnungen oder Vorwürfe von ihr meist in, wenn auch gebrochenem, Schweizerdeutsch herüber.

2. Der Vater
Im April 2007 anlässlich eines 90sten
Geburtstages im Hause einer befreundeten
Familie in San Agustin, Gran Canaria

Unser lieber Vater, gebürtig von Küssnacht am Rigi, arbeitete hart, um seine Familie vorwärts zu bringen:
Anfangs bei der VBZ in der Bus-Garage und später als Vertreter von Lager - Metallgestellen. Er hatte
viele Interessen. Er zeigte uns wie man Gemüse pflanzt auf einem Stückchen gemietetem Garten hinter
unserem Haus in der Nähe der Haltestelle Heerenwiesen. Auch spielte er Posaune in der VBZ-Musik
und übte oft zu Hause, was ich immer wunderschön fand. Bald kaufte er schon unser erstes
Mini-Familienauto (Fiat Topolino), in welchem wir tatsächlich alle 5 Platz fanden - denn wir waren
noch klein - um über den Gotthard nach Italien zu unseren Grosseltern in die Ferien fahren zu können.
Er brachte uns das Jassen und das Skifahren bei und lehrte uns, beim Pilze-Sammeln die giftigen von
den geniessbaren zu unterscheiden. Die beim Fi-schen - ein weiteres Hobby von ihm - gefangenen
Eglifische bereitete unsere Mutter mit Liebe zu. Erstaunlich übrigens, wie gut und schnell unser
Schweizer-Vater die italienische Sprache unserer Mutter gelernt hatte, ohne jemals in Italien gelebt zu haben.

3. Schule und Freizeit

Insgesamt habe ich eine recht glückliche Kindheit in Schwamendingen verbracht; mit tollen Lehrerinnen und
Lehrern wie Elisabeth Häusermann (heute Hübscher) im Schulhaus Probstei und später Herrn Mayer in der
Herzogenmühle, sowie tolle Freizeitbeschäftigungen bei der Jugendgruppe "rote Falken", wo wir die Freizeit mit
Singen, Wandern und vielen lustigen Gemeinschaftsspielen verbrachten. Dort lernte ich dann auch meinen
späteren Partner Balz Balmer kennen.
Mit Mami und Piero 1953,
als wir noch im Kreis 5 wohnten

4. Sprachen und Berufswahl

Mein Interesse und Verständnis für das Andersartige, für andere Sprachen und Kulturen wuchs nicht nur
aufgrund meiner Zweisprachigkeit, sondern auch durch die Förderung in der Jugendgruppe (man lernte
jeden so zu akzeptieren, wie er eben war), aber auch in der Primarschule (wir sangen z.B. Lieder in ganz
verschiedenen Sprachen) und in der Sekundarschule (mit tollem Englisch- und Französischunterricht) und
ebenfalls später in der Handelsschule, wo ich das Glück hatte, einen fantastischen Spanisch-Professor,
Prof. Dr. Denner, als Lehrer zu bekommen - obwohl ich in keinem Fall vorhatte, jemals diese Sprache
gross zu verwenden. Ich ging nach Beendigung der Handelsschule sofort nach Genf zum Touring Club
als Sekretärin und später in die Börsenabteilung einer Bank. Dort arbeitete ich zusammen mit dem heutigen
Schweizer Film- und Theaterschauspieler Max Rüdlinger, der es mit der französischen Sprache nicht so hatte,
so dass ich ihm bei gewissen Aufgaben am Anfang manchmal half. Nett, dass er mich nun, nach so vielen
Jahren, in seinem kürzlich herausgegebenen Buch "Das Recht auf Memoiren" ebenfalls erwähnt hat.
1954: Emi und Piero beim Fotografen
aufgenommen

5. Auswanderung

Wenn Balz (der eine Schriftsetzerlehre bei der Genossenschaftsdruckerei Zürich machte) und ich uns jeweils
am Wochen-ende trafen, regnete es eigentlich immer, sodass wir langsam aber sicher genug hatten vom
vielen Regen: "Bloss irgendwo-hin wo die Sonne scheint!", war unser beider Gedanke. Bald war uns klar,
dass wir auf die Inseln fliegen werden, die sich direkt neben Marokko im Atlantik befinden, die aber
politisch noch zu Europa gehören und gemäss Atlas nur 30 Regentage pro Jahr aufwiesen. Ein halbes
Jahr wollten wir auf Gran Canaria bleiben und nun sind 38 daraus geworden.

6. Auf Gran Canaria

Verwundert war ich zuerst darüber, dass ich trotz meiner guten Spanisch-Kenntnisse anfangs grosse Mühe
hatte, den Kana-rischen Dialekt zu verstehen. Auszuwandern in ein Land der Diktatur ging eigentlich gegen
unsere Prinzipien von Freiheit und Gerechtigkeit, doch die Aussichten auf ewig schönes Wetter
überwiegten. Deshalb akzeptierte ich auch eine Büroarbeit zu 420 Fr. pro Monat in Las Palmas.
Mein Verlobter hingegen, der der Sprache noch nicht mächtig war, half erstmal am Strand beim
Liegestuhl-Austragen. Schnell wechselten wir aber in den Süden der Insel, wo es noch weniger regnete
als in der Stadt. Wir bekamen sofort beide eine Stelle in einer hotelmässig geführten
Appartement- und Bungalow-Anlage. Zwar für ein sehr niedriges Gehalt, dafür mit freiem Wohnen
und Mittagessen. Ein lehrreicher und interessanter Lebensabschnitt begann; wir genossen das Wetter,
die neuen Arbeitskollegen, und waren zwischenzeitlich auch zu unserem lieben Hund Golfo gekommen.
Wir drei Kinder mit Papi am Zürichsee
1960

7. Heirat und Pflegekind

Wichtig war uns auch eine schöne Freundschaft zu zwei amerikanischen Kindern, deren Eltern sich recht wenig
um sie kümmerten: David (10-jährig) und Gaby (8-jährig). Sie besuchten uns oft übers Wochenende.
Uns gefiel der Kontakt zu Menschen einer anderen Nation. Wir verbesserten dank den beiden auch unser
Englisch und unser Verständnis für andere Gewohnheiten. Als deren Mutter einige Jahre später starb - Balz
und ich hatten inzwischen geheiratet - nahmen wir tatsächlich als eine Art Pflegeeltern den Jungen für
zwei Jahre bei uns auf, bis der Vater von seiner Erste-Hilfe-Station einer Pipline-Bau-Plattform von
Nigeria zurück kehrte. (Gaby hatte bei einer Frau Gloria in Las Palmas gewohnt). Ich war erst 23 Jahre alt
und hatte echt Schwierigkeiten im täglichen Umgang mit einem Jugendlichen, der kein geregeltes Leben
gewohnt war. 1975 reisten David und Gaby mit ihrem Vater zurück nach Amerika und wir
verloren sie aus den Augen.
Foto Señora con Loro (Dame mit Papagei)
Meine Mami 1990 auf Gran Canaria zu
Besuch im berühmten Palmitos Park

8. Grosse Veränderungen: Haus, Hund, Schaf...

Bei uns änderte sich dann einiges: Wir wechselten das erstemal die Arbeitsstelle, schafften uns ein Häuschen
mit grossem Garten an, sowie ein richtiges "Riesenvieh" an Hund - einen ausserordentlich gutmütigen
Irischen Wolfshund, der sich auch gut mit einem Schaf verstand, das wir als "lebenden Rasenmäher"
gekauft hatten. Unsere Kontakte und Freunde versuchten wir stets unter den Kanarios und Spaniern zu
finden - denn wir waren ja schliesslich nicht ausgewandert, um uns ständig mit den eigenen Landsleuten
zu umgeben. Mit ganz einfachen Speisen wie Gemüsesuppe oder Spaghetti feierten wir oft gemüt-liche
Geburtstage bei uns im Garten.

9. Scheidung, neuer Wohnort, neue Arbeitsstelle

Die Umstände wollten es, dass wir keine Kinder hatten. Dadurch war es natürlich bei der späteren Scheidung
etwas weniger kompliziert für mich. Zwar hatten wir uns eigentlich immer noch ein wenig gern, aber es
reichte halt nicht mehr für eine richti-ge Ehe. Ich blieb noch eine Weile in diesem Dorf mit den Hunden
und Katzen und zog später alleine in eine kleinere Woh-nung, als ich dann auch meine heutige Arbeitsstelle
als Chefsekretärin in einem Grossbetrieb der Familie des "Inselgrafen" Alejandro del Castillo y Bravo de Laguna,
Conde de Guadalupe, annahm.
Anlässlich eines Jahreswechsels auf
Gran Canaria im Jahre 1985 mit
Bruder Piero ganz rechts aussen,
Bruder Bruno ganz links, meiner
italienischen Mutter un einem Nachbarn

10. Der Bruder

Nun war auch mein Bruder Bruno auf die Insel gezogen, hatte seinen Job bei der Bank an den Nagel gehängt
und arbeitete hier als Chef der Animation in der grossen touristischen Anlage Bahia Feliz, denn er und mein
anderer Bruder Piero hatten schon von klein auf immer Freude an Musik und Gesang (vor allem Beatles)
und Bühnenshows gezeigt.

11. Tourismus, Freizeit, Studium

Leider sind die hiesigen Dörfer und auch die Touristen-Siedlungen dermassen gewachsen, dass die Insel
insgesamt heute nicht mehr so schön ist, wie sie früher war. Aber ich habe hier eine Arbeit die mir gefällt und
einen grossen Freundeskreis. Ich hatte auch angefangen, in meiner Freizeit vielen schönen Tätigkeiten
nachzugehen wie Yoga, Tennis und Wandern. Mit 49 Jahren fing ich sogar noch ein Studium an der
Universität Las Palmas an und werde es diesen Sommer abschliessen. Das war zwar neben der normalen
Arbeit etwas anstrengend, aber trotzdem interessant.
Unsere Schweizer Freunde auf Gran Canaria
kauften eine neuen Luxus-Liege, die ich
gleich ausprobieren durfte...

12. Hilfe für Afrika

Ebenfalls beteilige ich mich mit einigen Freunden in einer Hilfsorganisation für Afrika. Bisher haben wir in
Bamako, Mali, drei Kindergärten ins Leben gerufen, eigenhändig Medikamente in 20 Koffern an zwei
Spitalanlagen in Gambia gebracht und senden jährlich ca. 1000 Euro an eine Nähschule in Kamerun.
Wir können mit unserer Hilfe die tragische Situation nicht gross verändern, aber wenigstens ein ganz
klein bisschen dazu beitragen, dass einige Kinder Zugang zur Vorschule be-kommen und einige
Jugendliche etwas lernen. Das Problem auf den Kanarischen Inseln, dass mehrmals die Woche
wacke-lige Schiffe voller vor Durst und Hunger z.T. sterbender Flüchtlingen aus Afrika herkommen,
weil sie dort keine Arbeit haben, ist nämlich sehr gross.

13. Erfülltes Leben

Es gibt viele, die denken: Wie kann man von der schönen Schweiz auf so eine touristische Insel auswandern!
Doch ich habe hier ein erfülltes Leben, und wenn ich auf unseren Wanderungen abseits des
Touristen-Rummels auf wunderbar strotzende Berge mit überraschend blühenden Sträuchern und Blumen
stosse, dann bin ich eigentlich immer ganz glücklich.
Ich habe viel Neues gelernt und dabei gesehen, wie schwierig, aber auch interessant es ist, Verständnis
für andere Lebensarten und Mentalitäten aufzubringen und auch zu zeigen.