Frühlingsfest Mosaik
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BILDER 2008
Auswanderung "früher"
Zahlen Auswanderung "heute"
Somalia
Portrait: Emi Sidler
Portrait:Ali Isse
Portrait: Abei Besha
SURPRISE
Auftritt von SWEETHOME PRODUCTION

" MAMA, ICH KANN HIER NICHT BLEIBEN "

Artikel aus dem Heft SURPRISE 154 / 07

Ali Isse Seynab (36) ist Mutter von sechs Kindern und Opfer des Krieges in Somalia.
In Zürich hat sie endlich Ruhe gefunden.

Text Karin Oetterli

"Immer, wenn ich eine Arbeit gesucht habe und die Leute beim Vorstellungsgespräch mein Kopftuch sahen,
hat es geheissen: "Mit dem Kopftuch kannst du bei uns nicht arbeiten. Zieh es aus, dann bekommst
du einen Job." Aber ich bin eine Muslimin, und ich werde es nicht ablegen. Bei Surprise ist das Kopftuch
kein Problem. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins kann ich ein wenig Geld für meine Kinder
dazuverdienen. Dafür danke ich Gott.
Meine Heimat ist Somalia. Ich bin in einem grossen Haus in der Hauptstadt Mogadischu aufgewachsen.
Mein Vater hatte drei Frauen und ich 16 Geschwister. Es ging uns gut. Ich konnte die Schule besuchen
und wollte eigentlich studieren.
Doch dann brach der Krieg aus. Das war vor 17 Jahren. Seither herrscht ununterbrochen Krieg in Somalia,
es gibt keinen Präsidenten und keine Regierung. Statt auf die Universität zu gehen, habe ich
geheiratet und Kinder bekommen. In einer Nacht im Jahr 1994 wurde unser Haus beschossen. 17 Menschen
starben. Geschwister. Bekannte. Ich selber wurde schwer verletzt. Noch heute habe ich Granatsplitter
im Körper und meine linke Hand kann ich kaum bewegen Ich stand danach drei Jahre unter Schock,
ich habe nicht geredet..
Nach weiteren drei Jahren sagte ich zu meiner Mutter: ‚Mama, ich kann hier nicht bleiben, ich muss weg.'
Und sie antwortete: ‚Ja, geh du und lass mir die beiden ältesten Kinder hier.'
Also flüchtete ich mit meinen zwei Jüngsten, die damals 4 und 6 waren, und einem Baby im Bauch
über Äthiopien, Eritrea und den Sudan nach Libyen. Dort arbeitete ich zwei Jahre lang bei einer arabischen
Familie als Hausmädchen. In Libyen herrschen auch katastrophale Zustände. Mit dem gesparten
Geld machte ich mich deshalb auf den Weg nach Europa. Auf einem kleinen, überfüllten Boot fuhren
wir übers Meer nach Italien. Unterwegs starben sechs Personen, die wurden einfach ins Meer geworfen.
Als wir auf Sizilien ankamen, hat man uns alle erst einmal eine Woche lang im Spital gesund gepflegt
und dann in einem Caritasheim untergebracht. Die Leute dort halfen mir, telefonischen Kontakt zu
meiner Mutter aufzunehmen. In Italien bekamen wir jedoch keine Aufenthaltsbewilligung. Ich fuhr
weiter in die Schweiz.
Seit 2004 lebe ich mit meinen vier Kindern im Kanton Zürich. Dank der Asylorganisation konnte auch
mein Mann vor ein paar Monaten nachkommen. Er flüchtete damals in die Türkei, dort wurde er
medizinisch versorgt, da er im Krieg in Somalia schwer verletzt wurde.
Momentan habe ich eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung. Die Schweiz ist ein ruhiges Land. Es
gibt keinen Krieg. Man hat Spitäler, die Kinder können zur Schule gehen. Mein drittjüngster Sohn,
der den Krieg und die Flucht noch in Erinnerung hat und davon traumatisiert ist, bekommt jetzt Hilfe
wegen seiner Schlafprobleme.
Ich kenne viele Schweizerinnen, die lade ich oft zu mir nach Hause ein - das ist fast wie in Somalia.
Wir sitzen dann gemütlich zusammen und reden über Gott und die Welt. Zweimal in der Woche
besuche ich einen Sprachkurs. Ich will noch besser Deutsch lernen, damit ich meinen Kindern
bei den Hausaufgaben helfen kann. Sie haben sich gut in der Schweiz eingelebt.
Zudem teile ich mir den Platz mit einem anderen Verkäufer. Vielleicht bekomme ich jetzt einen
anderen Standort zugeteilt. Überhaupt ist die Leiterin vom Verkaufsbüro super. Sie ist immer für
mich da, wenn ich Hilfe brauche.
Ja, ich würde sehr gerne in der Schweiz bleiben. Das ist mein größter Wunsch für die Zukunft.
An diesem Ort, wo es keinen Krieg gibt. "